Gestern Abend traf ich mich mit Freund Shhhhh in unserer Stammkneipe. Sie trägt den schönen Namen „Vogelfrei“. Wir hatten das noch nie an einem Montag gemacht und waren tatsächlich eine ganze Weile die einzigen Gäste. Als ich eintraf, saß S. schon bei einem großen Pils auf seinem Lieblingsplatz in der Ecke, den Rücken zum Fenster, die Tür im Blick und schrieb in sein Notizbüchlein, quasi als vogelfreier Kneipendichter. S. erzählte, dass er vor Tagen tapfer Griesbrei gegessen, in den die Gastgeberin versehentlich das Salzfass geleert hatte.
Abendbummel
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Lausiger, nasskalter Bummel mit Wulff, zu Guttenberg, Kerner, Friede Springer und Neelie Kroes
@ 2011-12-13 – 21:02:09
Was verborgen ist in den Häusern, Wohnungen, Zimmern der Stadt, präsentiert sich bei früher Dunkelheit durch erleuchtete Fenster. Letztens konnte ich in ein Zimmer schauen und sah an der Wand ein riesiges Bild von Johannes B. Kerner. Und wie ich mich noch fragte, wer schmückt denn sein Zimmer ausgerechnet mit Johannes Baptist Kerner, dieser Mischwurst aus Geflügel und Schwein der Marke Gutfried, da bewegte sich der Kerl, wurde größer und größer, dann ein harter Schnitt und mir wurde klar, dass ich einer Täuschung erlegen war. Ich hatte Kerner auf einem gewaltigen Fernsehbildschirm gesehen. Der Vorname Baptist kommt aus dem griechischen und bedeutet „Täufer“. Johannes T. Kerner: „Ich taufe dich mit – Wurst.“
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Abendbummel online - Genio Leibnitii und Enten
@ 2009-05-18 – 19:29:58
Ehrlich gesagt war mir nicht klar, dass ich eben am Leibniztempel gesessen habe, um zu schreiben. Also, man hat mich nicht etwa im bewusstlosen Zustand hintransportiert, sondern ich war schon aus eigenem Antrieb in den prächtigen Hannöverschen Georgengarten gefahren und hatte mich auf den Stufen des Tempels niedergelassen. Der Tempel erhebt sich auf einer erhöhten Halbinsel, und von dort hat man einen schönen Blick auf Baumgruppen, Wiesen und Teiche. Ich wusste eben nur nicht, dass der Tempel dem Mathematiker, Philosophen und Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz gewidmet ist, denn die angeblich angebrachte Inschrift „Genio Leibnitii“ hatte ich übersehen. Es schrieb sich dort jedenfalls leicht, und wäre nicht die Dame auf dem Fahrrad vorbeigekommen, stünde hier ein ganz anderer Text. Den auszuformulieren, muss ich leider verschieben, der Enten wegen.
Man stelle sich eine attraktive Frau mittleren Alters auf einem Fahrrad vor, schwarze Pumps an den Füßen, schwarze Strümpfe, schwarzer Rock, schwarze Bluse, dunkle Sonnenbrille und eine perückenhafte Mähne aschblonder Schillerlocken. Wir haben keine Zeit zu erwägen, ob sie vielleicht einer Theaterbühne entsprungen ist, denn sie radelt schnell über den Weg heran und will den Leibniztempel umrunden. Im Vorbeifahren ruft sie mir zu:
„Die ganze Entengemeinde fehlt! Haben Sie die gegessen?!“
„Ich bin Vegetarier“, sage ich wahrheitsgemäß.
„Ich auch in solchen Momenten!“ ruft sie über ihre Schulter hinweg. Wie sie schon hinterm Säulenrund verschwunden ist, höre ich noch: „Wo sind die denn alle, nur Boris ist hier!“ Und ich heiße noch nicht mal Boris.Auf dem Teich unten hatte ich zuvor durchaus Enten gesehen. Sie waren panisch über die Wasserfläche geschossen, weil zwei Hundebesitzer ihre Tölen hineingescheucht hatten. Wohin die Enten sich entfernt hatten, war nicht zu sehen gewesen, weil sie unter dichtem Laub verschwanden. Derweil ich mich noch frage, welchen Knoten Leute im Kopf haben, die gewisse Tiere sorgenvoll suchen und andere bedenkenlos verspeisen, hat die Frau den Tempel umrundet und schickt sich an, wieder in den Weg einzubiegen. Ich bin ihr noch ein bisschen böse, weil sie mich verdächtigt hat, rohe Enten zu verschlingen und frage: „Sind Sie die Entenbeauftragte?“
Darauf antwortet sie nicht, sondern ruft aufgeregt: „Die sind reviertreu, die müssten sich hier aufhalten, treue Freunde.“ Und schon hat der Park sie samt Fahrrad verschluckt.Eine Weile saß ich noch schreibend auf den Stufen, hielt gelegentlich Ausschau, doch Enten und Entenbeauftragte blieben verschwunden. Vermutlich wurden sie von Hunden gerissen. Die haben schließlich auch Rechte, obwohl sie ja eigentlich nichts tun, wie jeder Hundebesitzer zu versichern weiß. Leider konnte ich das nicht verifizieren, denn ich bekam plötzlich ebenfalls Hunger, verließ den Georgengarten und scheuchte im Supermarkt ein paar wehrlose Tomaten auf.
Guten Abend
Teppichhaus-Musiktipp: Gotye - Coming Back
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Abendbummel online - Vorsicht! Dieser Text kann Spuren von Erdnüssen enthalten
@ 2009-05-12 – 18:55:37
Wie machen die Homöopathen eine Hühnersuppe? Sie stellen einen Topf mit Wasser in die Sonne und treiben ein Huhn vorbei, so dass der Schatten des Huhns aufs Wasser fällt. Sie müssen das Huhn aber rasch am Topf vorbeischeuchen, damit die Suppe nicht zu kräftig wird.
Den Witz fand ich einmal in einer germanistischen Fachzeitschrift aus den 50ern des letzten Jahrhunderts. Er zeigt, dass Germanisten wenig oder gar keine Ahnung von Homöopathie haben, sonst wären sie ja auch keine Germanisten, sondern Homöopathen. Das Geheimnis der Homöopathie liegt bekanntlich in der Verdünnung schädlicher Wirkstoffe. Hier gilt die Regel: Je stärker verdünnt, desto höher die Wirkung. Eine Hühnersuppe, die nur hauchzart von einem vorbeiflatternden Hühnerschatten gestreift wurde, entspräche vermutlich der höchsten Potenzierung D78, das ist eine Verdünnung von 1 zu einer Tredezillion. So eine D78-Suppe kippt jeden Gesunden aus den Pantoffeln, hilft aber ganz gewiss gegen Vogel- und oder Schweinegrippe.
„Kann Spuren von Erdnüssen enthalten.“ Ein solcher Warnhinweis in der Zutatenliste industriell gefertigter Backwaren war mir bislang eines der Alltagsrätsel gewesen, denn ich konnte mir nicht erklären, woher die verflixten Erdnussspuren denn stammen. Schließlich sind die Produktionsprozesse der hochtechnisierten Nahrungsmittelindustrie nicht dem Zufall unterworfen. Dann fiel mir die Sache mit der Hühnersuppe ein, und siehe da, aus homöopathischer Sicht ist die Sache klar: Um die Nussecken geschmacklich abzurunden, treiben Lebensmittelingenieure eine Erdnuss an ihnen vorbei, und je nach Lichtverhältnis fällt mal ein Schatten auf die Nussecken, mal auch nicht*. Daher auch der Warnhinweis in der Überschrift. Ich habe noch Spuren einer Nussecke an den Fingerkuppen. Falls hier leichtsinnige Erdnussallergiker mitgelesen haben, empfehle ich prophylaktisch eine D78-Hühnersuppe. Zur Sicherheit würde ich aber einen Eimer Wasser und ein ganz dünnes Huhn nehmen.
Guten Abend
*) Wem diese Erklärung nicht reicht, der möge hier nachschauen.
Teppichhaus Musiktipp: Elbow; Weather To Fly
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Abendbummel - Von West nach Ost mit Blick nach oben
@ 2009-05-04 – 21:18:44
Seit fünfeinhalb Monaten lebe ich jetzt in Hannover und bin beständig dabei, mir eine innere Landkarte meiner neuen Heimatstadt zu erstellen. Sie hat zum Glück noch einige weiße Flecken, andere Bereiche heben sich nur schwach hervor, doch es gibt auch schon Flecken, die ordentlich erkundet sind. Das Entstehen der inneren Landkarte bildet ziemlich genau den allgemeinen Denkprozess ab. Es entwickelt sich eine Struktur aus verschiedenen Eindrücken. Und indem diese Struktur wächst, bezieht sie ständig kleinere und vereinzelte Strukturen in sich ein. Ich fahre eine mir unbekannte Straße entlang, und plötzlich stößt sie auf einen Platz, den ich bereits von einer anderen Seite durchquert habe. Schon fügt sich eins ans andere.
Wozu ungezählte Menschen am 4. Mai 2009 gegen 15:30 Uhr in Hannover unterwegs waren, das würde Bibliotheken füllen. In einer solchen Bibliothek war ich heute unterwegs, und mein Grund war recht einfach: Ich wollte die Stadt genau von West nach Ost mit dem Fahrrad durchqueren. Dazu musste ich oft von den Hauptwegen abweichen und Passagen suchen. Auf diese Weise geriet ich immer wieder in Straßen, die abseits des rollenden Verkehrs liegen, wo mehr Ruhe ist und Verweilen, Straßen mit prächtig zurückliegenden Patrizierhäusern und hübschen Eckcafés. Da blühen Flieder und anderes Gehölz in den Vorgärten und die Bürgersteige sind sauber gestäubt mit Blütenblättern. Es stören keine verrottenden Beilagen aus Anzeigenblättern wie in meinem Viertel.
Man kommt sich in solchen Straßen ein wenig wie ein Eindringling vor und fragt sich nach dem Inhalt der Bücher, die in diesem besseren Teil der Bibliothek fortgeschrieben werden. Sie ist weitgehend unzugänglich für Unbefugte. Daher dringt der Inhalt dieser Lebensbücher kaum nach draußen. Die Reichen und Begüterten unserer Gesellschaft sind in der öffentlichen Wahrnehmung eine abstrakte Größe. Was sind das für Leute? Wie leben Sie? Was treibt sie um? Darüber weiß die breite Öffentlichkeit erstaunlich wenig, denn es wäre Humbug zu glauben, man erführe darüber etwas Genaues aus der Klatschpresse. Die meisten Reichen halten sich fern von solchen Publikationen.Längst kann man davon sprechen, dass unsere gesellschaftlichen Schichten sich einem Kastensystem annähern. Das Ideal einer demokratischen Gesellschaft ist ja die Durchlässigkeit der Schichten. Von diesem Ideal entfernen wir uns zunehmend. Der Aufstieg von der Unter- in die Mittelschicht ist ungemein schwierig. Da existieren keine Lifte. Wer das schaffen will, muss kraxeln, ein Seil am Haken hochwerfen und sich aus eigener Kraft empor schieben. Das verlangt einen langen Atem und die Fähigkeit zu beißen, vor allem auf die eigenen Zähne.
Aus der Mittelschicht in die Oberschicht zu gelangen ist nicht weniger schwierig. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: sich, etwas oder andere bedingungslos zu verkaufen oder eine angesagte Kunst zu betreiben. Wie es weiter oben zugeht, wie sich die Oberschicht differenziert und welche gesellschaftlichen Mechanismen dort wirksam sind, kann ich leider nur ahnen. Es wäre ein interessantes ethnologisches Thema, das zu erhellen.
Guten Abend
Ach ja, zurück bin ich durch den Stadtwald, die Eilenriede, gefahren, wo jedermann sich mit gutem Recht aufhalten darf.
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Abendbummel online - Immer der Nase nach
@ 2009-04-23 – 22:02:02
Einmal fuhr ich einen von Hecken gesäumten, schnurgeraden Wirtschaftsweg entlang. Dabei schob mich ein heftiger Wind. Die Sonne kam hervor, tauchte die Äcker in freundliches Licht, und über eine ferne Bodenwelle hinweg schien mein Weg am Horizont in den blauen Himmel zu tauchen. Da freute ich mich, gut voranzukommen. Nach einer Weile kam mir ein älterer Mann auf dem Rad entgegen. Ich nickte ihm einen Gruß zu. Er muckte nicht einmal, sondern sah stur geradeaus. Bald hatte die Wegdecke lehmige Traktorspuren, die Asphaltierung hörte auf, und ich fuhr über wucherndes Gras. Dann sah ich voraus einen schmalen Kanal, der sich quer durch die Felder zog. Da war keine Brücke, der Weg lief tot. Also wieder zurück. Gegen den heftigen Wind kam ich kaum voran, ständig gerieten die Räder in tiefe Furchen, die sich unter der Grasnarbe verbargen, da hatte ich Zeit, den Kerl zu verfluchen, der mich ja hätte warnen können.
Heute geschah es erneut, dass mich zwei Radfahrer sehenden Auges einen Weg fahren ließen, der zuerst holperig wurde und dann totlief. Die beiden, ein Mann und eine Frau saßen an einem Weiher. Ihre Fahrräder hatten sie sauber nebeneinander geparkt. Das war im Dorf Ihme, das ich nach einigem Suchen gefunden hatte, denn ich wollte ab dort am Bächlein Ihme entlang fahren bis Hannover, wo die Ihme das meiste Wasser der Leine aufnimmt und vorübergehend zum breiten Fluss wird.Ich biege also im Dorf Ihme in einen Weg entlang der Ihme ein. Mann und Frau drehen sich zu mir um, als sie das Britzeln und Bratzen der Steinchen unter meinen Reifen hören. Er hat einen weißen Mullstreifen quer über der Nase. Später, als ich wieder zurückkomme, drehen sie sich erneut um und sehen mir nach. Und ich denke: Ein weißer Mullstreifen quer über der Nase ist gewiss nicht angenehm für den Eigentümer der Nase. Die Frau neben ihm leidet wahrscheinlich mit. Doch weder Mullstreifen noch Mitleid mit der Nase unter dem Mullstreifen sind eine Entschuldigung dafür, dass man mich wortlos hat in die Irre fahren lassen.
Eigentlich sind die Menschen in Hannover und dem Umland recht freundlich. Daher neige ich inzwischen zu der Vermutung, dass sie mich nicht aus Bosheit, Gleichgültigkeit oder wegen Nasenqualen in die Irre haben fahren lassen, sondern aus Toleranz. Sie werden sich gedacht haben: „Der muss ja selber wissen, wohin er fährt. Schließlich ist er alt genug." Und da haben sie natürlich irgendwie Recht.
Fotos: Trithemius
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Abendbummel online - Falsch angezogen und daneben
@ 2009-04-03 – 18:17:00
Es ist ja ringsum eine Aufbruchstimmung, ein lustvolles Zwitschern unter der Sonne, ein Blühen und Sprießen allerorten, da hält es einen kaum im Haus. Benebelt von den vielen Eindrücken fand ich mich am Nachmittag am Hauptbahnhof ein, wo alles geschäftig durcheinander lief und man sich aus schierem Platzmangel gegenseitig auf die Füße trat. Da nahm ich einen Nebeneingang zum Reisecenter, trat an die erstaunlich leere Schalterreihe und sagte der jungen Frau hinterm Tresen: „Ich will am Ostermontag nach Aachen fahren.“
„Wohin?“ fragt sie und ruft zögerlich ihren Computer auf.
„Nach Aachen!“
„Ach, ja?“, sagt sie, und ich denke, sie ist wohl auch irgendwie beduselt, denn ich hatte laut und deutlich Aachen gesagt, und einen eventuell gleich klingenden Ort gibt es nicht, allenfalls Aalen, aber da fehlt der Kehllaut. Sie guckt mich an, als wäre ich falsch angezogen für einen, der glaubhaft nach Aachen will. Und ich denke, wieso denn? Die Sachen habe ich auch schon mal in Aachen getragen, wenn ich mit dem Rad unterwegs war. Aber für ihren Geschmack passt das offenbar nicht zusammen. Tut es auch nicht, denn sie fragt: „Wollen Sie das Auto in Aachen abgeben?“
Da schaue ich mich mal um und sehe, dass ich gar nicht am Bahnschalter stehe, sondern bei der Autovermietung.Mein Versehen lag am Wunschdenken, denn nachdem ich die Autovermietung umrundet hatte, fand ich mich am Ende einer langen Schlange von Bahnkunden. Im Reisecentrum des Hauptbahnhofs von Hannover muss man sich entlang der Schalterreihe anstellen. Der Bereich ist beidseitig durch je ein langes schwarzes Band abgetrennt wie eine Viehkoppel. Am Eingang zur Absperrung stehen zwei grimmige Bahnbeamte
mit Knüppeln, die jedem was zwischen die Hörner geben, der sich am Koppelausgang zu den Schaltern durchmogeln will. Die am entfernten Kopf der Schlange können nicht sehen, ob einer der vorderen Schalterplätze freigeworden ist. Daher rufen die Wachleute im Befehlston den nächsten Kunden auf: "Schalter sieben, bitte!"Es dauert im Schnitt 15 Sekunden vom Aufruf bis zum Erreichen des freien Schalters. In dieser Zeit kann die Servicekraft mal was trinken, sich die Beine vertreten, die Fußnägel lackieren, einen Lottoschein ausfüllen oder einfach Däumchen drehen, wie ich es unwillkürlich getan hatte. Die Leute in der Schlange können derweil den Catwalk beobachten, sinnieren, wohin der mit der Aktentasche wohl will, ob die Frau im wattierten Mantel immer nur misstrauisch ist und auch dem Frühlingswetter nicht traut, man kann Haltungsnoten vergeben oder einfach genervt sein von diesem Aufrufsystem, das die Wartezeiten naturgemäß verlängert.
Nach gefühlten zwei Stunden befahl man mich zu Schalter acht, und als ich an der langen Schlange vorbeidefilierte, gab ich mir redliche Mühe, die missmutigen Blicke zu ignorieren. Wer etwas darf, was die anderen noch nicht dürfen, erweckt Neid. Du bist ein vortretender Bittsteller unter den Augen von wartenden Bittstellern. Da laden dich die Wartenden ungewollt mit negativer Energie auf. Deshalb glaube ich, dass die unerquickliche Organisation des Fahrscheinkaufs Methode hat. Ihre systeminhärenten Effekte sind Missmut und Entsolidarisierung. Hoffentlich kann sich die Bahn von diesem mehdornschen Ungeist befreien. Freilich, wenn du im falschen Outfit ein Auto mieten willst, bist du auch nicht viel besser dran.
Guten AbendWie versprochen, den Blogfreunden Dreckscheuder und Eifelphilosoph gewidmet, denen die Texte übers Radfahren zu anstrengend sind.
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Abendbummel online - Abgewrackter Stellenwert
@ 2009-03-26 – 19:35:00
Merkel lenkt ein: Wir wracken länger ab, titelt heute der Tagesspiegel. Yo, das scheint manchen zu gefallen, aber ist es wirklich nötig? Gibt es nicht schon genug abgewrackte Stadtviertel in Deutschland, trostlose Industriebrachen und leere Läden mit trüben Fensterscheiben? Hören Merkel und Steinmeier erst auf zu regieren, wenn ganz Deutschland derart abgerockt aussieht, dass man nur vom Hinsehen schon Ekelherpes kriegt?
Beim Discounter habe ich einen Mann gesehen, der mit einer Schuppenflechte im Gesicht gestraft ist. Aber das scheint sein kleinstes Problem zu sein oder nur das sichtbare Zeichen seiner wahren Probleme. Zweimal beobachtete ich ein seltsames Ritual. Der Schuppenflechtenmann stellt sich nicht mit seinem Einkauf in die Schlange, sondern geht zum Band der unbesetzten Nebenkasse. Dort zieht er ein fadenscheiniges Kunstfaser-Portemonnaie hervor und kippt den Inhalt aus. Da fallen nur Münzen, und ein silbernes Stück ist nicht dabei, sooft er seine Barschaft auch mit dem Zeigefinger auf dem schwarzen Gummi hin und her schiebt. Die Ernsthaftigkeit, mit der mal um mal zählte, ob das Geld für den Einkauf reicht, war kaum mit anzusehen. Es rührte mich an, denn im Arm hielt er nur zwei Packungen Toastbrot.
Bei den Discountern tobe derzeit ein Preiskrieg, wird gerufen. Viele Lebensmittel sind spottbillig, die müsste sich eigentlich jeder leisten können. Denkt man. Und Leute wie der Schuppenflechtenmann sind noch Einzelfälle oder nicht? Wie kann es überhaupt sein, dass einige unserer Mitbürger derart darben? Sind sie selber schuld an ihrem erbärmlichen Dasein? Es ist vermessen, überhaupt darüber nachzudenken angesichts der Halunken in den maroden Banken, die noch fürstlich abgefunden werden, nachdem sie die Weltwirtschaft mal eben an den Abgrund getrieben haben.
Frau Stadträtin Marlis Drevermann hat mir eine E-Mail schicken lassen:
„vielen Dank für Ihre an Herrn Oberbürgermeister Weil gerichtete E-Mail. Sie berichten darin von Ihrem Besuch im Buchdruckmuseum in Hannover-Linden und bringen Ihre Enttäuschung über die fehlende finanzielle Unterstützung seitens der Stadt Hannover zum Ausdruck. (…) Die Bedeutung der verschiedensten Museen und ihrer Exponate und ihr Wert für unsere Geschichte und Kultur sind der Stadt Hannover sehr bewusst. Auch das vielfach ehrenamtliche Engagement der Betreiber und Betreuer ist uns bekannt und der Stellenwert solch ehrenamtlicher Tätigkeit wird geachtet und auch gewürdigt. (…)“
Wegen der angespannten Finanzlage der Stadt, schreibt Frau Drevermann weiter, sei eine unfassende Förderung privater Museen leider nicht möglich. Da kann man nichts machen, höchstens den „Stellenwert“ ehrenamtlicher Tätigkeit achten und würdigen. Noch besser wäre es freilich, nicht den Stellenwert, sondern die Leute im Ehrenamt zu würdigen, denn ohne sie wäre Deutschlands kulturelle Vielfalt längst abgewrackt - und ganz ohne Prämie.
Guten Abend
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Abendbummel online – Von Wärme in der Kühle
@ 2009-03-19 – 21:27:00
Eine Luft zum Saufen, die Stadt so still, die lange, gerade Straße hinunter bestrahlt das fluchtende Spalier der Laternen die leeren Bürgersteige. Ampeln schalten geistlos von Rot auf Grün und wieder Rot, obwohl da kein Auto ist, dem sie etwas befehlen könnten. Es ist kühl, wie es sich für die späte Abendstunde gehört. Obwohl ich eigentlich nur eine kurze Runde gehen wollte, treibt es mich immer weiter. Ich liebe es, in dieser fremden Stadt neue Straßen und Wege zu entdecken, und kenne ich sie bei Tag, dann will ich auch ihre Nachtseite sehen. Das Gefühl der Befremdung hat auch eine angenehme Seite. Das Fremde macht den Menschen hellwach. So scheinen mir alle Eindrücke intensiver, wenn ich am späten Abend durch Hannover streife. Dieser Bummel zieht sich deshalb dahin, du brauchst ein bisschen Zeit, wenn du mit willst. Jetzt kommt leider ein Straßenstück, das ich schon kenne. Doch wir müssen durch, damit ich dir am Schluss des Bummels etwas von Hannovers Wärme zeigen kann. Und wenn man genau hinguckt, gibt es auch hier interessante Ecken.
Unter Hannover können sich nicht wirklich viele Leute im Westen etwas vorstellen. Wann immer jemand aus meinem Bekanntenkreis hört, ich sei nach Hannover gezogen, fällt den Leuten dieselbe Formel ein, mit der sie mich trösten: In Hannover werde ja das reinste Hochdeutsch gesprochen, und das müsse einen Sprachliebhaber wie mich erfreuen. Ich kanns bald singen, tue es aber nicht, denn eigentlich ist das sowieso falsch und außerdem lege ich selbst überhaupt keinen Wert auf reines Hochdeutsch. Aus beruflichen Gründen habe ich mich früher darum bemüht, doch seit ich es nicht mehr muss, erlaube ich mir, mit rheinischem Akzent zu reden, wie du hörst. Das macht mich im angeblichen Hochdeutsch-Zentrum Deutschlands sofort zum Ausländer.
Foto: Trithemius
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Abendbummel online - Fahren, Fragen, Stehen, Rollen
@ 2009-02-24 – 20:30:00
Es ist nicht alles flach im Flachland, no Sir. Wenn du beispielsweise von Hannover-Linden der Badenstedter Straße folgst, dann wird sie am Ortsrand von Hannover zur Lenther Chaussee, und die führt längs über den Benther Berg. Dieser bewaldete Hügel ragt bis auf 170 Meter hinauf in den Himmel und erstreckt sich auf etwa zehn Quadratkilometer. Am Beginn des Benther Bergs bog ich nach links ein auf einen Waldweg und fuhr an seiner Flanke entlang. Der schmale Weg zieht in einem Bogen um die Anhöhe und gibt den Blick frei auf Felder, Wiesen – und auf einen weiteren Berg, nicht ganz so groß wie der Benther Berg, aber fast so hoch. Über seine steilen Hänge führen gewundene Straßen, und auf einer ist mausklein ein gelbes Müllfahrzeug zu sehen. „Das ist aber eine stattliche Halde Zivilisationsdreck“, dachte ich. „Da bildet sich Hannover in Müll ab.“ Eigentlich müsste jeder Hannoveraner mal hinfahren und sich das ansehen. Das ist kein Luftkurort, doch sein Anblick ist heilsam. Da kann man sich glatt über Müllverbrennungsanlagen freuen, denn gäbe es sie nicht, wären unsere Großstädte irgendwann von stattlichen Hügelketten aus Müll umgeben.
Bald verbreiterte sich der Weg, und ich gelangte in den Ort Benthe. Er liegt abseits von Durchgangsstraßen und wirkt deshalb ziemlich verschlafen. Ich stieg vom Rad und betrat einen lauschigen Dorfladen, in dem so ziemlich alles zu bekommen ist. Allein das Getränkeangebot schien mir ein wenig einseitig. Da war nur eine große Weinabteilung in einem eigenen Raum links der Kasse. Die war verwaist. Es dauerte eine ganze Weile, bis wie von ungefähr der in sich gekehrte Ladenbesitzer erschien, um seine Weinflaschen zu liebkosen. Ich musste ihn von der Seite anquatschen: „Haben Sie auch noch andere Getränke außer Wein?“
„Ja, doch!“, sagte er, und wies mir einen versteckten Gang hinter der Weinabteilung, wobei er sich noch dafür entschuldigte, dass mir seine ungewöhnliche Ladenaufteilung soviel Ungemach bereitet hatte. Dann fragte ich ihn, wie ich denn am besten über den Benther Berg fahren könnte, um auf der anderen Seite wieder nach Hannover zu fahren. Das schien er nicht ganz zu verstehen, denn er riet mir, oben am Waldrand entlang zu fahren. Vermutlich dachte er, eine Fahrt über den Benther Berg sei ohne Bergführer nicht zu machen.Allerdings muss ich zugeben, dass es schon zum Waldrand verflucht steil hinaufging. Und just, wo der Anstieg richtig giftig wird, da hat er nur noch grobes Kopfsteinpflaster. Ich musste aus dem Sattel, und selbst dann bekam ich die Pedale kaum noch rund. Das machte mir richtige Heimatgefühle, obwohl ich einräumen muss, dass ich in ganz Aachen und Umgebung niemals über so grobe Wackersteine gefahren bin wie am Benther Berg. Solch mörderische Kasseienstroken findet man sonst nur in Belgien auf den Hellingen der Flandernrundfahrt, auf dem gefürchteten Oude Kwaremont, dem Koppenberg und der Muur van Geraardsbergen, wo das Peleton manchmal stillsteht, und die Fahrer wie Dominosteine umfallen.
Weiter fuhr ich den Waldsaum entlang über einen auf und ab schwingenden Waldweg. In jedem Wellental zeigten mir tiefe Furchen im aufgeweichten, schwarzen Waldboden, dass ich noch auf der richtigen Strecke war. Irgendwann gab der Wald mich wieder frei, und ich fietste frohgemut durch die Sonne Richtung Hannover.
Guten Abend
(Bilder für die Gif-Animation: Google Earth)
















