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Archiv der Einträge: Februar, 2012
  • Neues aus der ZDF-Anstalt – Das große Heilfressen

    Ein wünschenswerter Nebeneffekt des Fastens ist die Steigerung der Aufmerksamkeit und Konzentration. In der gestrigen Ausgabe von „Neues aus der Anstalt“ spielte Urban Priol hingegen einen durch Fasten völlig Verwirrten und lobte Bundeskanzlerin Angela Merkel in höchsten Tönen. Er tat das lang und ausdauernd, so dass ein unbefangener Betrachter, der den konstruierten Zusammenhang nicht mitbekommen hatte, glauben konnte, die Lobhudelei wäre ernst gemeint. Aufgelöst wurde die unglückliche Spielidee erst gegen Schluss der Sendung, als Erwin Pelzig den Anstaltsleiter zum Essen verführte. Darauf zog Priol vom Leder und gab u.a. seiner Verwunderung Ausdruck, dass die Peinlichkeiten um den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff nicht auf Merkels Popularitätswerte durchschlagen, obwohl sie ihn ins Amt gehoben und viel zu lange an ihm festgehalten hatte. Ja, warum wohl macht niemand Merkel verantwortlich? Weil die Deutschen zuviel fasten? Wohl doch eher, weil die meisten Leute zu fett und zu satt sind zum Denken, sondern immer nur ihrem Bauchurteil folgen, das von der Jubelpresse bestens gefüttert wird.

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  • 30 % auf alles – Verwirrendes über Auf- und Abschläge

    Huch, „30 Prozent auf alles“? Ist darunter ein Aufschlag oder ein Abschlag zu verstehen? Und was bedeutet „alles“ bei nackten Schaufensterpuppen? Angeblich wächst im Winter ja nichts, abgesehen von den Stellen am Körper, wo sich Fett anzusammeln beliebt.

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  • Höllische Offenbarung – im Zirkus des schlechten Geschmacks

    In München am Marienplatz drückte mir ein junger Mann seine Offenbarung in die Hand. Ich nahm sie an mich, weil ich nie zuvor ein derartig mies typographiertes Blatt gesehen hatte. Der absatzlose Text besteht aus Langzeilen, die fast die gesamte Breite des DIN-A4-Blattes einnehmen. Den Zeilen fehlt der Durchschuss, wodurch sich Ober- und Unterlängen küssen. Erzwungener Blocksatz und fehlende Silbentrennung führen zu Gießbächen im Text. Der Inhalt ist kaum zu erschließen. Man muss zum Lesen ein Lineal unter die Zeilen legen, damit das Auge nicht durch einen der Gießbäche in eine falsche Zeile abirrt. Die Gestaltung ist das Ergebnis des Versuchs, den gesamten Text auf eine Seite zu quetschen. Das Blatt bekommt auf diese Weise etwas Hermetisches. Es zeigt eine Bleiwüste, von deren Durchquerung eine innere Stimme dringend abrät.

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  • Sprachwandel schlägt Sprachpflege

    Die winterharte, immergrüne Kletterpflanze Efeu hat einmal Ep-heu geheißen und wurde mit Recht so geschrieben, denn Epheu stammt vom ahd. ebihouwi ab. Das ph wurde aber als griechisches Φ (Phi) verlesen und fälschlich zum f eingedeutscht, was den Lautwandel mit sich brachte. Sagst du korrekt: „Ep-heu wurde laut Wikipedia zur Arzneipflanze des Jahres 2010 gekürt“, weiß niemand, welches Gewächs gemeint ist.

    Kurioser ist die Entstehung des Wortes Zenit ...

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  • Grüß Gott, hier ist ein Brillenstudio – Trithemius in München

    Honeckers späte Rache

    Kaum ist die Republik aus der Kältestarre erwacht, geht’s drunter und drüber. „AUS!“ (BILD) für Schnorrerpräsident Christian Wulff. Mit drei fetten Buchstaben macht BILD Platz im Schloss Bellevue und setzt am nächsten Tag Joachim Gauck ein. Gauck? Wer um Gottes Willen will denn den neoliberalen Schwätzer Gauck, der sich von Frau Merkel fälschlich als „Bürgerrechtler“ bezeichnen lässt, aber bei der Stasi als IM Larve geführt wurde? Da will ich am Dienstagmorgen nur Brötchen holen, präsentieren mir die Präsidentenmacher von BILD schon „Unsere neue First Lady!“ Hoppla, das ging aber schnell. Muss mich Honeckers späte Rache ausgerechnet in einer Münchner Bäckerei ereilen, wo ich noch schlaftrunken einen Kaffee trinken und allenfalls ein bisschen Alltagsethnologie betreiben will? Kann man nicht warten, bis ich wieder zu Hause bin und Zeit habe, die aberwitzigen Entwicklungen zu verfolgen?

    Und muss der falsche Apostel Gauck nicht zuerst noch gewählt werden? Oder reicht es, wenn BILD ihn auf der Titelseite ins Amt jubelt? Da hilft bei der Entschleunigung der dubiose CSU-Politiker Norbert Geis und fordert, Gauck müsse Lebensgefährtin Daniela Schadt zuerst einmal heiraten. Ein Präsidentenpaar in wilder Ehe gehe ja nun gar nicht. Das lässt hoffen. Eine Heirat würde die erbärmliche Wahl einige Wochen hinauszögern. Eigentlich hätte BILD titeln müssen: „Unsere wilde First Lady in Spe“ Aber das hätte falsche Erwartungen geweckt und die Frage aufgeworfen, ob sie auch tätowiert ist. Das entwürdigende öffentliche Gerangel um die Wulffs hat es möglich gemacht. Schon deshalb wäre Zeit bis zur Kür eines neuen Bundespräsidenten angebracht. Aber wo BILD einmal hinlangt, wächst kein Gras mehr.

    Was nicht in BILD steht: Der Lebensgefährte der Bäckereifachverkäuferin ist am Rosenmontag nach Köln geflogen, um sich in das Karnevalstreiben zu stürzen, und heute Morgen hat sie wirklich schlechte Laune. Ist er am Ende im Trubel versackt, obwohl ich ihm Sonntagmorgen gesagt hatte: „Viel Spass in Köln, und kommen Sie nicht unter die Räder!“ Wir werden es nicht mehr erfahren, denn am Abend muss ich abreisen. Aber langsam und einige Schritte zurück: Jeden Morgen bin ich in dieser Bäckerei gewesen, habe, die Zeitungstitel im Regal vor Augen, zum Käsebrötchen einen Kaffee getrunken, weil ich nämlich ein verfluchter Frühaufsteher bin, meine Gastgeberin aber ausschlafen will. Da habe ich Zeit für müßige Gedanken und Studien Münchner Lebensart.

    Verkäufer in einer Bäckerei dürfen ihre Kunden nicht nach dem äußeren Anschein beurteilen, besonders samstags und sonntags nicht, wenn sie mit Bettfrisuren, ungewaschen und ein bisschen verlottert in den Laden kommen. Eine hagere alte Frau beispielsweise. Trotz ihres schwarzen Stocks kann sie kaum gehen, weshalb ihr alles gebracht und in die Einkaufstüte gepackt wird, derweil der Bäcker in einem unverständlichen Idiom mit ihr plaudert. Eines verstehe ich aber. Wie sie auch noch eine Flasche Helles haben will, sagt er fürsorglich: „Du wolltest doch nicht mehr soviel saufen, Anna!“

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  • Plausch mit Frau Nettesheim – Schneiders Ehrenrettung

    Frau Nettesheim
    Werfen Sie Ihren Hut in den Ring, Trithemius?

    Trithemius

    Ich würde das Bundespräsidentenamt übernehmen, aber ich habe keinen Hut. Der würde sowieso zertrampelt von den Kandidaten, die uns von den Leitmedien aufgedrängt werden gehabt worden zu sein.

    Frau Nettesheim

    Sprachverhunzer! Wenn Stilkritiker Wolf Schneider diesen verschwurbelten Satz lesen würde, wären Sie ohnehin disqualifiziert.

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  • Mutter in der Raucherkneipe – mein surrealer Alltag

    Im Vogelfrei, der Stammkneipe von Blogfreund S. und mir. Ich trinke ein Pils und warte auf meine Verabredung. Tippe in mein Smartphone: Im Raum außer mir vier Leute, drei junge Männer und eine junge Frau. Sie sprechen über Haarausfall. Sagt der mit der Stirnglatze: „Haarausfall wird eindeutig über die Mutter vererbt, das ist genetisch bewiesen.“

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  • Hallo, Sie haben gepiept – Verräterische RFID-Chips

    "Hallo, kommen Sie noch mal zurück! Sie haben gepiept“, rief die Verkäuferin im Drogeriemarkt Rossmann. Unverschämtheit, nicht ich, sondern das rossmannsche Türalarmsystem hatte gepiept. Das hatte ich sehr wohl gehört, aber nicht auf mich bezogen, denn ich war nicht auf dem Weg hinaus, sondern hinein. Und schon befand ich mich mittendrin in einer peinlichen Situation. Die Leute in der Kassenschlange vergaßen nämlich, sich zu langweilen und gafften amüsiert zu mir herüber, derweil die Verkäuferin sich neben mir aufbaute und versuchte, der Sache auf den Grund zu gehen.

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  • Glücksklee! Ein Arzt von Adel trägt mir die Brille hinterher

    „Meine Aufgabe ist es, Ihre Kosten zu optimieren, Herr van der Ley”, sagt der junge Mann am Telefon. Ich muss lachen: „Da haben Sie aber eine schöne Aufgabe.“ „Ja, Herr van der Ley “, sagt der Werber von Vodaphon einlenkend, „wenn Sie nicht vom Festnetz in Mobilfunknetze telefonieren, kann ich natürlich nicht viel optimieren.“

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  • Ethnologie des Alltags - Mpemba-Effekt und Mops

    Die Tasse kippte um, und der heiße Kaffee schwappte über meine Tastatur. Zu meinem Pech trat augenblicklich der Mpemba-Effekt ein – der Kaffee gefror. Ich musste zuerst das Eis von den Tasten klopfen, um das Unglück vermelden zu können.

    Im Schreibwarenladen konnten sich Mann und Frau kaum vor den Kunden zusammenreißen, sich nicht gegenseitig anzugiften. Sie trat neben ihn und zischelte etwas.

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  • Erweitere deinen Wortschatz - mit Bundespräsident Wulff

    Dem Bundespräsidenten Christian Wulff haben wir ziemlich viel zu verdanken, Politikverdrossenheit, Fremdschämen ohne Ende und nicht zuletzt eine Wortschatzerweiterung, nämlich ein neues Verb: „wulffen“. Der Sprecher des Vereins Deutsche Sprache, Holger Klatte, sagte der Nachrichtenagentur dpa: „Mittlerweile haben sich zwei Bedeutungen herauskristallisiert.“

    Das Verb „wulffen“ bedeutet nach Klatt zum einen das Vollreden eines Anrufbeantworters. „Die zweite Variante bedeutet, dass man nicht direkt die Wahrheit sagt, aber auch nicht direkt als Lügner dastehen will», sagte der Sprachvereinsexperte und drückt sich expertengemäß holprig aus: „Das heißt, dass man nicht direkt angegriffen werden kann. Aber so richtig vertrauenswürdig ist man trotzdem nicht. Wir werden sehen, ob sich eine Variante durchsetzt.“

    Dass jemand die Mailbox von Bild-Chefredakteur Kai Diekmann volljault, kommt nicht so oft vor, weil nicht jedermann die Mobilfunknummer von Diekmann hat. Diese Wortbedeutung kann man vergessen, weil der Vorgang bald vergessen ist, das “Stahlgewitter”, wie der Bundespräsident martialisch gesagt hat.

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  • Huhu, Sprachstilpapst Wolf Schneider!

    Bisschen Geschwätzigkeit gefällig? Sie haben in der Neuauflage ihres Buches “Das Handbuch des Journalismus” die Onlineschreiber massiv kritisiert, wissen aber nicht so recht, worüber sie urteilen, denn Sie besitzen nach eigener Aussage nicht mal einen Computer, sondern lassen sich – kaum zu glauben – von Ihrer Frau täglich mindestens zwei Blogs ausdrucken. Im Interview mit Meedia “In Sorge um den Journalismus überhaupt” nörgelten Sie: „Was Blogs wert sind, habe ich ja gerade wieder gemerkt: Ein Ausmaß von Geschwätzigkeit, offenbar in der Hoffnung verfasst, erst gar nicht gelesen zu werden.“

    Ja, Sie haben Recht, es gibt online viel Mist zu lesen. Aber welche Schande, dass Ihr eitles Geschwätz zudem gedruckt wurde. Dafür mussten schön grüne Bäume sterben, wissen Sie?

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