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Archiv der Einträge: Januar, 2009
  • Teppichhaus Intern - Bielefelder beschimpfen Trithemius

    Vor gut drei Monaten hat ein chronisch unterbeschäftigter Teppichhaus-Humorexperte aus purem Mutwillen, vielleicht auch aus Langeweile, einen aufwendigen Heimatfilm über die Stadt Bielefeld gedreht. Titel: "In Bielefeld ist das Wegfahren am schönsten." Die Qualität des Films lässt hinsichtlich Form und Inhalt zu wünschen übrig, und so wurde er zwar bei Youtube eingestellt, im Teppichhaus jedoch nur unter der Ladentheke gehandelt. Trotz seiner offenkundigen Mängel - so wurde zum Beispiel sträflich versäumt, das Bielefelder Bahnhofsklo zu zeigen, was allemal eine sofortige Abreise wert ist - trotz oder wegen dieser und anderer Versäumnisse, erhitzt der Film zunehmend die Gemüter.

    Bitte machen Sie sich selbst ein Bild und lesen Sie hier, was aufgebrachte Bielefelder konkret bemängeln. Übrigens hat Blogfreund Frieling darauf aufmerksam gemacht, dass es sich bei Bielefeld nur um einen Fake handelt, auch Bielefeldverschwörung genannt. Wenn es die Stadt eventuell gar nicht gibt, warum geriet der Film derart in die Kritik? Handelt es sich bei den Kritikern um Menschen, die wahnhaft glauben, Bielefelder zu sein, obwohl sie eigentlich in Gütersloh oder Castrop-Rauxel leben?

  • Der Lehrling war da

    Keine-Krise
    => Im Berichtsheft ...

  • Nachrichten aus der Teppichhausredaktion (5) - Jammern

    Hier die NachrichtenHehe, die EU fürchte das Scheitern der Rettungspakete, denn die Banken nehmen zwar die Kohle, vergeben aber keine Kredite, höchstens zu „abnorm hohen Preisen“, berichtet die Financial Times Deutschland. Und weiter: „Nach Auffassung von EU-Wirtschaftskommissar Joaquín Almunia müssten die EU-Regierungen mehr Druck auf die Banken ausüben, damit die Kreditinstitute die Staatshilfen an die Wirtschaft weitergeben.“ „Müssten“ sie. Tun sie aber nicht. Die Bundeskanzlerin beispielsweise hat die Bankenchefs zu sich eingeladen und gesagt: „Sie waren in den letzten Jahren gierig, verantwortungslos und nur an Ihrem eigenen Wohlergehen interessiert, würden Sie bitte damit aufhören? Nein? Sie können gar nicht anders? Na gut, dann ist die Sache für mich erledigt.“ Die Folge: Die Hausbank von Herrn Breier hat das Gnadengesuch für Laatzen abgelehnt:
    Enttäuschter-Herr-Breier

    "Wenn man als
    internetaffiner Mensch in Deutschland wohnt, aber sich trotzdem für Politik und Staatswesen interessiert, dann entzündet sich leicht die für Enttäuschungen zuständige Hirnregion. Nicht nur, weil im Netz die Fallhöhe zwischen Barack Obama und Angela Merkel ungefähr der ihrer Herkunftsorte Chicago und Uckermark entspricht", jammert Internetexperte Sascha Lobo über seine entzündete Hirnregion. Wer mal Werbetexter war, weiß natürlich, wie man die Leute nach Strich und Faden für dumm verkauft. Gewiss könnte Lobo als internetaffiner Propagandaminister allerlei bewegen. Ich finde aber, dass die Podcasts von Bundesabwrackkanzlerin Merkel schon ziemlich gut gemacht sind.
    Angela-Merkel-podcastTonausfall-in-ganz-Dtschld

    Wenden wir uns kurz den schönen Dingen zu. Gestern habe ich rein zufällig einen überaus schillernden Satz gelesen, hinter dem sich ganze Welten verbergen: „Herr Zettelmann ist auf Forschungsreisen.“ Falls du das gar nicht glauben magst, lies selber nach und komm später nochmal hier vorbei. Danke!

    Weitere Nachrichten aus der Teppichhausredaktion

  • Durch Suff und Schlamm in fünf Etappen

    "BKS" - Bei Karl saufen ... war so ziemlich die einzige Freizeitbeschäftigung, die sich auf unserem Dorf am Wochenende anbot. Karl war Knecht bei einem Bauern gewesen, hatte dann eine dralle Witwe geheiratet, die zwei ebenso dralle Töchter mit in die Ehe brachte und offenbar Geld genug, die Kneipe zu eröffnen. Ob er sich als Angestellter seiner Frau betrachtete und deshalb sein bester eigener Kunde war, kann ich nicht sagen. Jedenfalls litt er am Leben, und deshalb schluckte er gewaltig, besonders samstags. Gegen ein Uhr nachts schloss er die Außentür ab, und oft stellte er sich danach zu den anderen vor die Theke und überließ den Zapfhahn einem vertrauenswürdigen Säufer. Wer nach der offiziellen Sperrstunde noch hineinwollte, klopfte an den geschlossenen Fensterladen.

    Einer von denen, die nachts an den Laden klopften, war Spickermanns Jries. Jries ist Kölsch platt und bedeutet Grau. Wieso Spickermann diesen Übernamen hatte, weiß ich nicht, denn eigentlich trug er auf dem Kopf eine blonde Föhnfrisur. Spickermann hatte eine stattliche Waffensammlung und im Keller seiner Eltern einen Schießstand. Er arbeitete in Köln bei der Zeitung, und irgendwie war er freier Mitarbeiter beim WDR geworden, wo er bei Filmproduktionen mit scharfer Munition schoss. Das musste ziemlich einträglich gewesen sein, denn Spickermann warf mit dem Geld um sich, als gäbe es kein Morgen. Er fuhr stets den neusten Porsche, und der wurde nicht alt, denn Spickermann hatte im besoffenen Kopp schon manchen Chausseebaum gerammt. Sein Frauenverschleiß war ähnlich, man sah in selten zweimal mit derselben. Vermutlich wollte sich keine mit Schmackes um einen Chausseebaum wickeln lassen.

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  • Kopfkino - Fünf schmantige Männer machen unfroh

    Obwohl ich die Lebensbedingungen meiner Kindheit auf dem Land nicht idealisieren will, kann ich sagen, dass wir so gut wie keinen Müll produziert haben. No, Sir. Was wir aßen, kam aus Stall, Garten oder vom Feld, und die ungenießbaren Essensreste wurden in einem lebendigen Müllschlucker geparkt – das war ein Schwein. Wenn es sich an den Abfällen dick und rund gefressen hatte, wurde es an den Ohren aus dem Stall gezerrt, kriegte einen Bolzenschuss an den Kopf, und nach einigen Stunden war es komplett zu verschiedenen Lebensmitteln verarbeitet. Plastikverpackungen gab es in unserem Haushalt nicht, und sie wurden auch nicht vermisst. Wie ich überhaupt viele Dinge nicht vermisst habe, die mich heute umgeben. Einmal gewann ich in einem Wettbewerb der Volksschule eine Stoppuhr, und wie ich dachte, ich sei der glücklichste Mensch der Welt, saß ich gerade auf dem Plumpsklo und wischte mich ab mit Zeitungspapier. Weniger geeignetes Papier verbrannten wir im Ofen, die Asche kam auf den Mist und wurde zusammen mit den Ausscheidungen von Tier und Mensch wieder zu Dünger. Zugegeben, das war eine karge Welt, doch irgendwie war alles in Kreisläufen von Entstehen, Vergehen und Wiedererstehen organisiert, ohne dass die Natur nennenswert belastet wurde.

    Das änderte sich rasch, denn die Welt meiner Kindheit wandelte sich quasi über Nacht zur Wohlstandsgesellschaft. Plötzlich war allenthalben Überfluss. Mit dem Überfluss kamen neue Bedürfnisse, verpackte Waren und Güter von außerhalb, und mit ihnen kam der Müll. Da wir an die alten Kreisläufe gewöhnt waren, dachten wir gar nicht daran, dass die Natur den zusätzlichen Müll nicht verkraften könnte. Über viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte hinweg gab es in dieser Hinsicht kein Problembewusstsein. Es wuchs erst Ende der 70er Jahre, als die Umwelt schon ziemlich verdreckt war. Doch so richtig bewusst sind wir uns heute noch nicht, wie sehr unser Lebensstil des Überflusses den Planeten belastet.

    Zeitsprung in die Gegenwart. Ich habe keinen aufwendigen Lebensstil, und trotzdem fallen in meinem Ein-Personen-Haushalt täglich etwa vier bis fünf Liter Müll an. Das Volumen sagt natürlich nichts über das Gewicht, und ich weiß auch nicht, ob ich damit über oder unter dem Durchschnitt liege. Laut Statistik kommen auf jeden von uns jährlich 450 Kilogramm Müll. Das ist etwa das Fünffache meines Körpergewichts. Ich habe also am Jahresende fünf Schattenmänner aus Müll bei mir. Warum ist das so? Mein Lebensstil ist nach wie vor verschwenderisch, und meine Bedürfnisse sind nach vernünftigen Maßstäben maßlos. Trotzdem habe ich seit meiner Kindheit nie mehr von mir sagen können, ich sei der glücklichste Mensch der Welt. Was ist der Grund? Fünf dreckige Kerle im Nacken wiegen unsäglich schwer.

  • Plausch mit Frau Nettesheim - Fehlende Redundanz

    trithemius & Frau NettesheimTrithemius
    Jepp! Endlich kann ich Sie wieder sehen, Frau Nettesheim.

    Frau Nettesheim
    War ich eben etwa unsichtbar?

    Trithemius
    Nein, Sie sind mir ja stets mit allen Sinnen präsent, Verehrteste. Ich meinte Ihr apartes Foto oben in der Buttonleiste, das jedes Mal mein Herz erfreut, wenn ich es betrachte.

    Frau Nettesheim
    Wollen Sie damit sagen, dass mein Anblick Sie weniger erfreut als mein Foto?

    Trithemius
    Äh, natürlich nicht. Da brauche ich ne Schneebrille, so bin ich geblendet.

    Frau Nettesheim
    Gleich müssen Sie wieder übertreiben. Wieso war die Buttonleiste weg?

    Trithemius
    Der neue Design-Wizard von Blog.de hatte sie weggezaubert. The Next Uri Geller, hehe. War nur Spasss. Aber es hat doch Mühe gemacht, das zerschossene Layout wiederherzustellen. Zumal man im Design-Wizard ein Werkzeugsymbol anklicken muss, um etwas zu verändern, und Sie wissen ja, dass ich langsam die Nase voll hab von Schraub- und Schlagwerkzeug, nachdem ich hier in unseren neuen Räumen seit Wochen damit hantieren muss.

    Frau Nettesheim
    Jetzt jammern Sie nicht, ein Umzug ist eben mit Arbeit verbunden.

    Trithemius
    Ja, aber wenn der ganze Tag zweckbestimmt ist, fehlt doch Redundanz, Frau Nettesheim. Ich bereite im Kopf eine Vorlesung dazu vor, während ich Schränke schraube und so.

    Frau Nettesheim
    Das muss ziemlich kompliziert sein, denn während sie über Redundanz nachdachten, haben sie die Seitenteile des neuen Waschbeckenunterschranks falsch herum montiert, so dass die Türen nicht ranpassen.

    Trithemius
    Müssen Sie mich immerzu vor den Kunden bloßstellen? Der wird sowieso noch mal zerlegt, da ich hinten was raussägen muss. Und außerdem, die Chancen standen 50 zu 50, es hätte genauso gut klappen können.

    Frau Nettesheim
    Andere schauen einfach in die Aufbauanleitung. Doch das halten Sie vermutlich für Aberglauben.

    Trithemius

    Reingeschaut hatte ich schon, doch sie war nicht redundant genug.

  • Nachrichten aus der Teppichhausredaktion (4) - Depping

    Hier die NachrichtenDepping daheim, müde und zufrieden, meldete die Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ) gestern. Und ich dachte tatsächlich, das Abhängen vorm Fernseher, Flasche am Hals, Dschungelcamp glotzen und dergleichen denk- und sinnferne Freizeitbeschäftigung hätte endlich ein passendes Wort gefunden: Depping. Da hatte ich aber ganz unfreiwillig und arglos mir einen Witz mit Dieter Depping gemacht. Und warum ist dieser Mann müde und zufrieden? Er wurde sechster beim Rallye Dakar. Also doch.

    Solltest du zufällig in den nächsten Tagen irgendwo auf der Welt einen Amtseid leisten müssen, dann frag den Vorbeter rechtzeitig, ob man es mal gemeinsam üben könnte. Dann bist du freilich trotzdem nicht sicher, denn der hinterlistige Kerl könnte dir im Ernstfall die Floskeln in unhandlichen Brocken und auch noch verkehrt vorgeben, so dass du nachfragen musst wie Obama bei seiner Vereidigung. Bei Bush haben sie damals vermutlich einen Teleprompter installiert, damit er ablesen konnte. Oder er hatte Neger, so heißen nämlich die großen Schrifttafeln, die von einer Hilfskraft hochgehalten werden. Das ging bei Obama natürlich nicht. An Obamas Stelle würde ich den Kerl jedenfalls schleunigst entlassen. Er heißt John Roberts und ist der Oberste Bundesrichter (Chief Justice of the United States). Wer hat ihn auf diesen Posten gehoben? Georges W. Bush, ein Mann, der noch beim Zurücktreten nachtreten lässt.

    Spiegel online zitiert ihn heute mit den Worten: „Als ich aber an diesem Morgen das Oval Office verließ, ging ich mit denselben Werten, die ich acht Jahre zuvor nach Washington mitgebracht hatte." Zweifellos. (… muss mal eben brechen …) Ah, das ist herrlich. Anders das hier: Theo Koll, der Mann mit der stylischen Panzerglasbrille hört auf bei Frontal21 (ZDF). Schade. Nein, traurig, schlecht, schlimm, deprimierend, bedauerlich, arg, betrüblich. Theo Koll, du warst der Beste! Ich werd dich schmerzlich vermissen, spätestens wenn mich die GEZ in Hannover aufgespürt hat und mein gutes Geld haben will für all den anderen Depping-Schrott.

    Ich hätte nächtens Classic Rock auf einem Musikdrops gepfiffen, wird hier behauptet. Es war aber die Internationale.

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  • Abendbummel online - Mitteilungsbedürftige Fackelsnasen

    „Ein Mann, der zur Zeit vor Kraft kaum gehen kann“, wurde im Fernsehen angekündigt, „Guido Westerwelle.“ Da rettete mich die Fernbedienung nicht, denn nebenan trat Roland Koch vor die Mikrophone. Ich ließ ihn aber nichts sagen. Derzeit mag ich gar nichts von solchen Leuten wissen und gehe auch nicht vor die Tür. Letzten Samstag nämlich fing ich mir eine neue Erkältung ein, und das, obwohl ich noch Rekonvaleszent war. Das geschah vermutlich im Supermarkt, in dem die Leute die Lebensmittel rundum behusten, weil sie den Einkaufswagen mit beiden Händen schieben müssen. Die fehlende Hand ist natürlich nur ein Vorwand, denn eigentlich handelt es sich beim ungehemmten Schnäuzen, Prusten und Husten um eine archaische Form der Mitteilung. Irgendwann in grauer Vorzeit haben Viren und Bakterien nur jene Wirtsträger überleben lassen, die das Bedürfnis haben, auch die übelste Pestilenz mit anderen zu teilen. Auf diese Weise wurde der Mensch zum Sozialwesen.

    An der Kasse stand
    ein, mit Verlaub, hässlicher Mann, und derweil sein Einkauf gescannt wurde, schimpfte und fluchte er in sein Handy. Ich kann zwar kein Russisch, doch seine heftige Mimik ließ ausschließen, dass es sich um Liebesgeflüster handelte. Gekauft hatte er sechs Flaschen Wodka im Pack, drei einzelne Zitronen und noch mehr Schnaps. Mehrmals trat er einige Schritte weg und rannte im Kreis, weil er ausreichend Platz zum Blaffen und Gestikulieren brauchte. Die in der Schlange warteten ergeben, und auch die Kassiererin sagte lieber nichts. Endlich zog er mit der linken seine Börse aus der Gesäßtasche, klappte sie auf, fingerte einen Hunderter hervor und warf ihn gleichgültig aufs Förderband, derweil er weiter ins Handy brüllte. Sein Umgang mit Geld schien mir irgendwie bezeichnend, denn wer es mit seiner Hände Arbeit verdienen muss, geht achtsamer damit um. Da wollte ich auch gar nicht wissen, wohin der Wodka wohl getragen würde und was die Zitronen erzählen könnten, bevor sie ausgequetscht werden würden.

    Andererseits: Was gehen mich brüllende Russen an, die mit Geld um sich werfen, ein gepimptes Guidomobil mit ner 18 auf den Schluppen oder ein brutalstmöglicher Aufklärer mit Lügennase. Die haben in meinem Leben gar nichts zu suchen. Am Ende krieg ich noch einen Handwaschzwang.

    Guten Abend

  • Großzügige Beinfreiheit und ein Gedicht für die DB AG

    Persönlicher-Service

    => Mehr Gedichte für ... hier

  • Wenn du, dumme Deutsche Bahn,

    ... bereits an der Börse wärest, wo dein Obermohr Mehdorn noch immer mit aller Gewalt hinwill, was wäre wohl nach dem totalen Zusammenbruch deines Buchungssystems am letzten Mittwoch passiert? Hätten dann alle potentiellen Anleger gedacht, Aktien der Deutschen Bahn AG, die muss ich um jeden Preis haben!? Und wäre dein Aktienkurs deshalb durch die Decke gegangen, so dass sich die Anteilshalter vor Glück die Bäuche gerieben hätten? Das würden doch eigentlich nur solche Narren glauben, die den törichten Kaputtsparkurs des durchgeknallten Bahnvorstands klasse finden, also höchstens der Bahnvorstand selbst.

    Wahrscheinlicher ist hingegen, dass dein Aktienkurs mit voller Wucht in den Keller gerappelt wäre, so dass die Deutsche Bahn ungefähr noch den Wert der Bonuszahlungen gehabt hätte, die sich der Bahnvorstand als Belohnung für den Börsengang auszahlen wollte. Drum, dumme Deutsche Bahn, können wir dem Weltgeist dankbar sein, dass dieser Crash vorläufig an uns vorüber gegangen ist. Trotzdem lieber noch mal Achsen, Bremsen und alles andere prüfen, denn eigentlich sollst du ja Menschen und Güter sicher und pünktlich von A nach B fahren und nicht an die hypernervöse Börse gehen, wenn du nicht mal zuverlässig Fahrkarten verkaufen kannst.

    Trithemius

  • Abendbummel online - Spezialisten und Alleskönnerinnen

    Meister Wolf hat seine Matte vergessen, die er vor meiner Spüle ausgebreitet hatte, um die Wasseranschlüsse zu legen, wozu er sich rücklings in die Spüle schob und somit bequem hantieren konnte. Ich wäre nicht mal auf die Idee gekommen, es auf diese Weise zu machen. Die unzähligen Kniffe und Tricks der unterschiedlichen Handwerke kann sich eben ein Mensch allein nicht ausdenken. Sie gehören quasi zur ständig wachsenden Bibliothek handwerklicher Erfahrungen, die vom Meister über den Gesellen an den Lehrling weitergegeben werden. Ich hatte freilich gedacht, ein Installateur kann so ziemlich alles, was irgendwie mit Küche und Bad zu tun hat, doch als er mir noch half, die Hängeschränke zu befestigen, meinte er, das sei ja eigentlich die Arbeit von Küchenbauern. „Ich bin Thermenflüsterer“, sagte er, und daher öffnete er auch einmal die Klappe der Therme und schaute einfach so hinein. Was er meiner Therme geflüstert hat, weiß ich nicht, doch seither ist es wärmer in meiner Wohnung, was freilich auch an gestiegenen Außentemperaturen liegen kann.

    Die Löcher für die Hängeschränke bohrte er einhändig, denn mit der anderen hielt er ein Kehrblech drunter, damit der Staub sich nicht überall verteilte. Da sagte ich ihm, ich würde immer einen offenen Briefumschlag unter die zu bohrenden Löcher kleben, dann hätte ich beide Hände frei. Er hörte aber nicht auf mich, denn ich bin ja gelernter Schriftsetzer und kein Küchenbauer. Drum bin ich jedoch nicht traurig, denn wenn ich sagen würde, dass ich den Umgang mit dem Schlagbohrer und das Wuchten von Schränken hasse, dann wäre das mindestens leicht untertrieben. Ich krieg die Krise davon, will sie aber auch „nicht überdramatisieren“, hehe.

    Mein eigenes Handwerk ist museal, weshalb ich ihm als junger Mann schon den Rücken kehrte. Trotzdem kann ich noch immer kleine Abstände gut einschätzen, denn im Bleisatz arbeitete man mit dem typografischen Maß, das feiner ist als das Dezimalsystem. Im Alltag hilft mir das wenig. Wenn ich zum Beispiel im Supermarkt sage: „Rücken Sie bitte ein Cicero zur Seite, dann passt’s!“, wird die Mutter mit dem Kinderwagen verächtlich schnauben und ihr Kind ostentativ mindestens um vier Konkordanz verstoßen.

    Mütter mit Kinderwagen machen nur ungern Platz. Sie schauen einem trotzig zwischen die Augen, und du liest: „Ich habe auch Rechte. Was glaubst du, wie viel Arbeit ein Kind macht, und was ich alles bedenken musste, bevor ich mich samt Kind und Kinderwagen auf den Weg zum Einkauf gemacht habe. Dann ist überall kaum durchzukommen, Autos parken die Gehwege zu, ich muss Mülleimer umkurven und Alte mit Rollatoren vorbeilassen, muss stumpfsinnige Jugendliche um Durchfahrt anbetteln, und jetzt kommst du mit deinem überdimensionierten Einkaufswagen, hast nur für dich und dein müßiges Leben zu sorgen und kannst nicht mal warten, bis ich meine überaus mühseligen Verpflichtungen erledigt habe. Die Welt ist voller Kinderfeinde. Eltern werden in unserer Gesellschaft viel zu wenig geachtet. Aber wir haben ja keine Lobby, dabei ziehen wir die Rentenzahler der Zukunft groß. Dazu muss ich tausend Sachen können, brauche praktisches Handgeschick und Organisationstalent. Und was überhaupt ist ein Cicero? Bist du irgendwie Ballaballa?“

    Da hat sie mit fast allem Recht, nur die Frage erlaube ich mir vorläufig zu verneinen. Wenn ich aber Schlagbohrer, Dübel und Schrauben nicht bald in die Ecke packen kann, dann, Köhler, alter Schwafelhannes, wird man sagen, die "Krise" wär' noch unterdramatisiert. Ich kann auch hauen.

    Guten Abend

    P.S.: Wie versprochen, ein weiteres Cartoon:
    Grandios

  • Abendbummel online - Füße am Himmel

    Eigentlich wollte ich etwas über die Religion der Karpfen im Maschsee schreiben. Sie müssen sich letztens schwer gewundert oder sogar geängstigt haben, und das beängstigend Unerklärliche steht bekanntlich am Anfang aller Religionen. In der Tagesschau wurde vergangenen Freitag ein Mann gezeigt, der mit einer Motorsäge einen dicken Block aus der Eisdecke des Maschsees schnitt. Der Eisblock sah aus wie ein Pflasterstein und hatte mehr als 13 Zentimeter Kantenlänge. Oberbürgermeister Stephan Weil (SPD) hatte daraufhin persönlich das Betreten der Eisdecke erlaubt, wozu er sich ans Nordufer begab und eigenhändig eine Flagge mit dem Stadtwappen hisste, zweimal sogar, einmal für die Hannoveraner und einmal für die Medien.

    So kam es, dass sich der Himmel der Maschseekarpfen am Samstag unter Tausenden Paar Füßen verdunkelte, unter anderem auch durch meine und durch die wesentlich zarteren von Theobromina. Glücklicherweise haben Karpfen so gut wie gar kein Gedächtnis, und da der Karpfenhimmel mittlerweile dabei ist, seinen üblichen Aggregatzustand wieder anzunehmen, vergessen die Karpfen das Anbeten der Füße, und die jüngst populär gewordenen Karpfenpriester werden von allen Seiten wegen ihrer Torheiten gestupst. Es ist nämlich nicht wirklich segensreich zu glauben, die Welt schlüssig erklären zu können, was für Karpfen gilt wie für Menschen. In Wahrheit ist alles ganz anders. Und zwar grundsätzlich.

    Guten Abend
    Down under

  • Abendbummel online - Lächeln kostet

    Stattliche 35 Meter über das Stadtgebiet von Hannover auf erschreckende 89 Meter über dem Meeresspiegel erhebt sich der Lindener Berg. Heute fuhr ich zweimal mit dem Rad drüber weg, allerdings etwas unterhalb seiner gewiss völlig vereisten Kuppe, da ich nicht genau wusste, ob man ganz oben ohne Sauerstoffmaske auskommt. Als ich noch in Aachen lebte, hätte ich mich getraut, denn da war ich an größere Höhen gewöhnt. Ein Anstieg von 35 Metern gilt dort nicht als Berg, sondern höchstens als namenloser Hubbel, über den man kein Wort verliert. Trotzdem war ich gespannt, was ich hinter dem Hubbel so alles finden würde, wie überhaupt die Erkundung meiner neuen Heimatstadt unterhaltsam und erbaulich ist. In Aachen grüßte mich jeder Laternenmast, und hier grüßt mich so gut wie keiner.

    Hannover ist eine
    exklusive Stadt. Du kannst nicht einfach in ein Fachgeschäft für Künstlerbedarf treten, um beispielsweise einen Radiergummi zu kaufen. Es reicht auch nicht, wenn du sagst, du wärest extra mit dem Rad über den steilen Lindener Berg gefahren, hättest also erheblich Mühen auf dich genommen und den mannigfaltigen Gefahren auf vereisten Radwegen getrotzt, keine einzige Laterne hätte dich gegrüßt, und trotzdem hättest du durchgehalten, denn die exklusiven Radiergummis würden auch jenseits des Berges gerühmt. Nein, du musst Mitglied werden, und das darfst du nur, wenn du auf einem Anmeldeformular glaubhaft beurkundest, dass du entweder Künstler bist, Kunststudent, Grafik-Designer, Kunstdozent oder sonst ein Papierbeknüseler.

    Die gewünschten Bilderrahmen kaufte ich jedoch nicht, obwohl ich dachte, jetzt biste hier Mitglied und kaufst nur zwei Bögen Fotokarton DIN-A1. Da wird die exklusive Dame an der Anmeldung denken, dass sie sich ihr Mitgliedbegrüßungslächeln hätte sparen können. Egal, ich muss auch sparen. Die Rahmen kaufte ich daher im Baumarkt, weshalb ich ein zweites Mal über den Lindener Berg fuhr. Dort waren die Rahmen billiger, aber es gab kein Lächeln von der Bilderrahmenfachverkäuferin. Da wusste ich, was den Preisunterschied ausmacht zwischen sündteuer und spottbillig, was freilich nicht nur in Hannover so ist.

    Guten Abend

    Gerahmt habe ich unter anderem den hier, und der hat auch nichts zu lachen.
    Aufmüpfige Zahnpasta

  • Wo bleibt Gas? Nächtliches Chaos im Teppichhaus

    Chaos

  • Einiges über Herren, Knechte und Freie

    Und erst die vielen Fenster. Man braucht Heerscharen helfender Hände, um Gardinen und Vorhänge abzuhängen, zu waschen und wieder aufzuhängen. Da stehen die Mägde tagelang im feuchten Nebel des Waschhauses, breiten die Tuche zum Trocknen über Hecken und plätten sie anschließend mit heißen Eisen. Dann müssen Wäschekörbe und Leitern treppauf, treppab getragen werden, entlang der weitläufigen Gänge im Haupthaus und in den Seitenflügeln, und die längsten unter den Dienstboten recken sich hoch zu den unzähligen Vorhangstangen.

    Die Vielzahl solcher niederen Aufgaben im Herrenhaus erfordert eine kleine Dorfgemeinschaft dienstbarer Geister. Es gibt unter den Dienstboten eine straffe Hierarchie, denn es wäre sehr mühsam, sie selber anzuweisen und ihre Arbeiten zu kontrollieren. Gerade unter den Knechten und Mägden ist eine strenge Abfolge von Befehlenden und Befehlsempfängern nötig. An ihrer Spitze steht der Verwalter, und nur er allein muss sich jenem verantworten, der in einem Herrenhaus mit so vielen Fenstern zu leben beliebt. Die Hierarchie drückt sich aus in der Zahl derer, die jedem einzelnen untergeordnet sind, was wiederum die Höhe der Entlohnung bestimmt. Jedermann wird verstehen, dass den geringsten Lohn verdient, wer niemanden mehr unter sich zu befehligen hat.

    Herrenhaus

    Die Aufgaben auf der untersten Hierarchieebene verlangen starke und oder geschickte Hände, jedoch wenig Verstand. Jene Dienstboten benötigen ihren Verstand nur für sich selbst und die ihnen aufgetragenen Tätigkeiten. Auf der mittleren Ebene sind Hand und Verstand gleichermaßen erforderlich, denn wer Anweisungen ausführt und zugleich andere anweist und kontrolliert, muss nicht nur für sich denken, sondern auch für die ihm Unterstellten. Auf der obersten Hierarchieebene muss überwiegend Verstandesarbeit geleistet werden, die Hand dient nur noch den notwendigen Hinweisen und Fingerzeigen. So erweckt es den Anschein, dass der Verwalter gar nichts tut, abgesehen vom Herumgehen, Zeigen und Reden. Da er jedoch für die Heerscharen unter sich mitdenken muss, arbeitet er am meisten, denn das Gehirn ist der größte Energieverbraucher.

    Allen jedoch, vom Verwalter über die Köche bis hinab zu Wäscherinnen und Stallburschen zahle man den geringsten Lohn, nämlich immer etwas weniger als sie eigentlich benötigen. Das wird ihre Bescheidenheit befördern, und mit der Bescheidenheit kommt die Demut daher. Denn wer als Herr oder Herrin in einem Haus mit ungezählten Fenstern gut leben will, sorge sich nicht um die Lebensumstände seiner Dienerschaft. Es ist besser, allen mit leiser Geringschätzung zu begegnen, die man gelegentlich zu verbergen versteht. Dann werden die Dienstboten ihre Herren zwar nicht lieben, jedoch um ihrer sparsamen Gesten willen achten und daher insgesamt folgsam sein.

    Diese Regeln gelten für jede Herrschaft, auch für die in einem Staatswesen. Stets halte man das Volk kurz, stelle ihm jedoch gelegentlich eine baldige Verbesserung der Lebensumstände in Aussicht, wenn alle nur fleißig und folgsam sind und sich mit dem Platz bescheiden, der ihnen von oben zugewiesen ist. Nur so lässt sich die ganze Machtfülle erhalten. Allgemeine Wohlfahrt darf es schon deshalb nicht geben, weil ein sattes Volk erlahmt.

    Indem die erfolgreiche Ausübung von Herrschaft solche Maßnahmen verlangt, erhebt sich die Frage, ob es erstrebenswert ist, in einem Haus mit ungezählten Fenstern zu leben und Heerscharen von Dienstboten oder gar ein ganzes Volk zu befehligen. Da Herren stets auf den gebührenden Abstand und die Einhaltung von Befehlsstrukturen achten müssen, dürfen sie weder Mitmenschen sein noch eine ausgewogenes Leben führen, in dem Herz, Hand und Verstand gleichermaßen gefordert sind. So findet man unter den Mächtigen meist unerquickliche und zerrissene Geister. Sie sind Gefangene ihrer eigenen Machtfülle. Wirklich frei ist nur, wer niemandem befiehlt und sich von niemandem befehlen lässt. Der Freie wohne in einem Haus, das nur so viele Fenster hat, wie er Vorhänge mit seinen eigenen Händen aufhängen, abhängen und waschen kann, ohne das zu seiner Haupttätigkeit zu machen.

  • Kostenlose Weil-Heilung und obendrein ein Kölsch

    Es tut mir leid, dass ich den Frauenarzt sogleich vor den Kopf gestoßen habe, als er sich im „Goldenen Einhorn“ zu uns an den Tisch setzte. Denn er war doch eigentlich nur des Stehens müde gewesen. Andererseits hatte er darum gebettelt, ohne es zu wissen. Nach einigen Worten hin und her sagte er nämlich: „Ich habe es ja mit der falschen Verwendung von weil.“ Och nö, dachte ich, bisher war der Abend ganz gesellig, und so soll er auch bleiben. Der Mann hätte sagen können, ich habe Rückenschmerzen, schlimme Leberwurst oder sonst was. Dann wäre ihm all mein Mitgefühl zugeflossen. Aber die falsche Verwendung von weil als Kreuz zu haben, ist eine gar müßige Krankheit, denn man lädt sie sich mutwillig auf den Hals.

    Weil ist eine unterordnende Konjunktion. Das Wörtchen leitet den Nebensatz eines Gliedsatzgefüges ein. Ein Beispiel: „Ich würde mich gern zu Ihnen an den Tisch setzten, weil mir die Füße schmerzen.“ Man kann den Nebensatz auch voranstellen: „Weil mir die Füße schmerzen, würde ich mich gern zu Ihnen an den Tisch setzen.“ Egal, wo der Nebensatz steht, sein finites Verb gehört an den Schluss. Standardsprachlich falsch wäre: „Ich würde mich gern zu Ihnen an den Tisch setzten, weil mir schmerzen die Füße.“ Die grammatische Fehlstellung von weil ist recht oft zu hören. Sie ist vermutlich eine Analogiebildung, eine Gleichsetzung von weil und denn. Beispiel: Ich würde mich gern an Ihren Tisch setzen, denn mir schmerzen die Füße.“ Denn ist aber eine nebenordnende Konjunktion, verbindet also zwei Hauptsätze. (Ich würde mich gern an Ihren Tisch setzen. Mir schmerzen die Füße.)

    Gut, der Frauenarzt saß bequem, hatte ein frisch gezapftes Kölsch vor sich und konnte die Füße unterm Tisch ausstrecken. Warum also noch meckern? Wir hätten ihn in jedem Fall zum Sitzen eingeladen, weil denn wir sind ja keine Unmenschen, hatten ebenfalls je ein frisch gezapftes Kölsch vor uns und wollten den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Da muss sich kein Frauenarzt als Sprachpapst aufführen, weil er sich vielleicht von Herrn Sick hat aufhetzen lassen und jetzt mit seinem Bildungsdünkel protzen wollte.

    Darum stieß ich ihn vor den Kopf, bevor er überhaupt erklären konnte, warum er ein Kreuz mit der falschen Verwendung von weil hatte. Ich sagte: „Jacob Grimm schreibt, jede vermeintlich falsche grammatische Erscheinung zeige entweder Reste alter Sprachzustände oder kündige neue an.“ Da schluckte der Frauenarzt augenblicklich sein Weil-Lamento runter, und glücklicherweise hatte er ein Kölsch zum Nachspülen. Der Abend war, was mich betrifft, gerettet. Sprachpfleger nerven. Sie übersehen nämlich, dass sie eigentlich die Totengräber jeder lebendigen Sprache sind. Sprache muss sich verändern dürfen, und wie anders sollte es gehen als durch Regelverstöße? Der Duden „Richtiges und gutes Deutsch“ verzeichnet bereits im Jahr 1985, dass die Fehlstellung von weil in der gesprochenen Sprache häufig vorkommt, was bedeutet, dass sie vielen Sprechern gar nicht mehr auffällt. Gäbe es solche Veränderungen im Sprachgebrauch nicht, würden wir noch reden und schreiben wie unsere Altvorderen, beispielsweise so:

    "Jeder Deutsche, der sein Deutsch schlecht und recht weiß, d. h. ungelehret, darf sich (…) eine selbsteigene, lebendige Grammatik nennen und kühnlich alle Sprachmeisterregeln fahren lassen.“
    (Jacob Grimm in der Vorrede zur Deutschen Grammatik).

  • Abendbummel online - Streiche A, setze U

    Letzte Nacht fand ich einfach nicht in den Schlaf, und falls ich doch schlief, dann habe ich es nicht gemerkt. Jedenfalls hörte ich mich gelegentlich fiebrig seufzen, es klang aber wie husten. Mit einem Mal seufzte es ganz anders, und zwar aus der Ecke, in der mein Wäschekorb steht. „Tschirch“ seufzte er laut und deutlich, allerdings nur einmal. Was er damit gemeint hat, kann ich nicht sagen, denn Tschirch ist meines Wissens kein deutsches Wort. Es gibt freilich einen bekannten deutschen Germanisten, der heißt Fritz Tschirch. Aber woher sollte mein Wäschekorb deutsche Germanisten kennen? Also wertet ich seine Bemerkung als kulturellen Bluff. Bisher hat nämlich noch kein Ikea-Wäsche-Aufbewahrungssack etwas Wesentliches zur Germanistik beigetragen.

    Obwohl meine neue Wohnung komplett renoviert ist, gibt es einiges zu rügen, wenn nicht zu tadeln oder gar zu bemängeln. Zum Beispiel zieht die Kälte links und rechts der Wohnungstür in den Flur. Das will ich meinem Vermieter anzeigen, sobald er wieder mal im Haus ist. Seine Ankunft kann ich gar nicht verpassen, denn er hat gleich nebenan seine Stadtwohnung. Dort deponiert er seinen Mops und steigt die Treppe hinauf, um die im Haus werkelnden Handwerker beim Renovieren zu beaufsichtigen. Sogleich beginnt dann der Mops kläglich zu jaulen, denn er ist kürzlich erblindet und mag seither nicht mehr allein sein. Ich hatte mir vorgenommen, den Vermieter beim nächsten Jaulen abzufangen. Dann wollte ich ihn in meine Wohnung bitten, die Tür schließen, auf die Türritzen zeigen und sagen: „Halten Sie mal die Hand dahin.“ „Halten Sie mal den Hund dahin!“, korrigierte Theobromina, und ich musste zugeben, dass ein vor Kälte zitternder, blinder Mops viel eindrucksvoller ist als ein frierender Teppichhändler.

    Am Morgen des zweiten Weihnachtstags, um 7:02 Uhr, als die Stadt noch schlief, stieg ich mit meinem Rollkoffer in die Straßenbahn der Linie 9, die mich zum Bahnhof bringen sollte, denn ich wollte nach Aachen fahren, um meine Kinder zu treffen. Da war ich noch gar nicht ganz wach und nicht in der Stimmung, zwei aufgeregten jungen Männern zuzuhören. Der eine lief gerade leer wie ein angestochenes Fass. Das war freilich die Schuld des anderen, denn der sagte nicht etwa, jetzt halt mal den Jabbeck, Alta, sonst kriegste eins vors Protoplasma, nein, er ließ nach jeder Episode ein beflissenes Höhöhö ertönen. Das verlangte nach dramaturgischer Steigerung, und so rief der erste plötzlich „Die beste Geschichte meines Lebens“ aus. Die ging so: Er hatte sich zwei Wochen „bei Kollegen“ aufgehalten, und eines Morgens wollte er sich was aus dem Kühlschrank holen, „... da sitzt die Katze auf dem Tisch und frisst die Butter. Ich schwör dir, Alter, die hat die ganze Butter gefressen, denn wir hatten ganz vergessen, die Katze zu füttern!“ „Höhöhöhö!“ „Hehehehe! Und das Beste kommt noch: Drei Wochen später wurde die Katze überfahren!“

    Da dachte ich schon: Ich glaub, ich meld mich krank, - und das hab ich jetzt davon - mein Wäschesack will Kulturbeutel sein.

    Guten Abend

    (Nach Diktat ins Erkältungsbad)

  • Abendbummel online - Petersburger Hängung am Lindener Berg

    Weil ich mir von einem weihnachtlichen Kurztrip nach Aachen eine dicke Erkältung mitgebracht hatte, war ich zwei Tage am Stück nicht vor der Tür, und daher bin ich heute auf den vereisten Bürgersteigen recht vorsichtig unterwegs gewesen. Obacht, dachte ich, ehe du dich versiehst, kommt der behelmte Christian Wulff den Lindener Berg heruntergesaust und fegt dich von den Füßen ins Nirwana. CDU-Ministerpräsidenten sind nämlich viel gefährlicher als man bislang dachte, und schließlich habe ich auch vier Kinder. Das ist, zugegeben, eine fiebrige Phantasie gewesen, von denen ich in den letzten Tagen einige hatte. In Wahrheit ist der Lindener Berg viel zu flach für alpine Spaßaktivitäten, und so traf ich auch nicht mit Wulff zusammen, sondern mit einem Installateurmeister namens Wolf. Der steckte mit dem Kopf vorsorglich in seinem Werkstattwagen, und weil er nicht freiwillig herauskam, quatschte ich ihm in den Nacken und fragte, ob er mir demnächst mal Spüle und Waschmaschine anschließen könnte. Meister Wolf bat mich in seine Werkstatt, hieß mich meine Küche aufzeichnen und erklären, was genau zu machen sei. Diese Woche müsse er Heizungen bauen, sagte er, aber Anfang nächster Woche werde er sich bei mir melden. Da konnte ich nicht protestieren, denn derzeit kann jedermann eine Heizung gebrauchen, und ich habe immerhin schon einen Kühlschrank.

    Einen Gasherd habe
    ich auch. Den hat meine liebe Freundin mir besorgt, und zwar von einem Mann namens Fusselhirn. Das ist jetzt keine Fieberphantasie, sondern ein so genannter Nickname zum Zwecke der Inserierung im Internet. Herr Fusselhirn hatte nämlich einen fast neuwertigen Gasherd im Keller und kurz vor Weihnachten beschlossen, ihn feilzubieten und zu Geld zu machen. Wir gingen zwei Straßen weiter, klingelten an einem stattlichen Altbau, es öffnete ein liebenswert schussliger Mann, dem die langen graublonden Strähnen nur so um den Kopf rum hingen, und der führte uns in den Keller, wo er einen Gasherd präsentierte, den er gerade noch geputzt hatte. Ich drückte ihm die verlangten 70 Euro in die Hand, er hob den Herd auf einen flachen Karren, den er glücklicher Weise vergessen hatte, der Leibniz-Universität zurückzugeben, wir schoben meine Neuerwerbung durch eine Seitentür auf die Straße, luden um auf die mitgebrachte Sackkarre und zerrten ihn über Kopfsteinpflaster die Flanke des Lindener Bergs hinab. Das ging recht gut, denn ich dachte noch nicht, die Kopfsteine wären belegte Brötchen, die beim Betreten zermatschbröseln, so dass die Füße über gebutterte Flächen und freigelegten Wurst-Aufschnitt rutschen. Das kam erst Tage später mit dem Fieber.

    Daher stand der Herd bald frisch geputzt in meiner Küche. Im Leben hätte ich mich nicht getraut, den Gasschlauch anzuschließen, sondern geduldig auf Herrn Wolf gewartet, und wenn er vorher noch halb Hannover mit Heizungen hätte zubauen müssen. Zum Glück ist die besagte liebe Freundin mit dieser höchst diffizilen Technologie bestens vertraut, stopfte kurzerhand den Schlauch in den Anschluss, öffnete einen Absperrhahn, und siehe da, die Flammen schossen empor, wo immer wir wollten. So kann ich in meiner neuen Wohnung schon kochen, theoretisch jedenfalls.

    Man kann ja über die Sachsen sagen, was man will, aber sie sind eigentlich überall und machen sich nützlich. Heute Morgen zum Beispiel trat einer in meine Wohnung, ein fröhlicher junger Mann im Auftrag der Telekom. Meine noch durchaus kränkliche Erscheinung schreckte ihn kein bisschen, auch störte ihn nicht, dass er zwecks Prüfung der Telefonleitung zwischen meinen Schuhen herumfuhrwerken musste, für die es noch keinen Schrank gibt, und wie ich noch entschuldigend erklärte, dass ich gerade erst (hehe) eingezogen sei, hatte er mich schon an die bewohnte Welt angeschlossen. Dafür wollte er nichts mehr als eine Unterschrift. Für die bat ich ihn dann ins beinah fertige Wohnzimmer, denn ich wollte wenigstens zeigen, dass ich während der erzwungenen Auszeit nicht gänzlich tatenlos gewesen bin. Da stehen schon Kommoden und Regale an den Wänden, und ein Tisch ist auch da, wo die Füße drunter stellen kann, wer immer bereit ist, mir in allem seine trunkene Zustimmung über denselben zu schieben. Auch habe ich zum Beispiel ganze Kompanien von Dübeln, Rekruten wie Hauptleute, der Freiheit beraubt, ins Loch gesteckt und ihnen Schrauben reingedreht, damit Lampen und Gardinen meine neue Welt wohnlich machen. Allerdings lehnen immer noch Bilder an der Wand wie nichtsnutzige Halunken und betteln darum, in Petersburg gehängt zu werden, was allerdings meiner Meinung nach eine Fieberphantasie ist.

    Guten Abend

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